Mittwoch, 12. Juli 2017

prt1


Ich bin angeklagt in allen neun möglichen Anklagepunkten. 
Ich konnt‘ mich nicht mehr verteidigen, war viel zu schwach. Mein Kopf ist auf die Richterbank geknallt vor lauter Mattheit, endlich ein Stuhl, endlich zum lange Sitzen Zeit, habe ich gedacht. Ich gehe freiwillig ins Gefängnis, gehe freiwillig dieses Umgängnis der wehrlosen Pflicht.
676 Wochen. Und 4732 Tage, bis es Null Uhr Mitternacht ist; bis der Rucksack zugeschnürt auf meinen zarten Schulterblättern wieder sitzt.
Wie viele Blätter wird es bis dahin wohl geben und wie viele Bücher werden durch mein Weltalles schwebend fliegen. Fliegen. 
Mit den selbstgewachsenen Flügeln siegen, der Pazifismus in Kleinkariertkriegen ist nicht unterzukriegen: ich boxe erst zurück, wenn du mir eine drückst. Und es drückt gewaltig, doch die Meinung darüber, die spalte ich. Verwalte mich selbst in den nächsten 1,3 Jahrzehnten so es denn geht, versuche anzukommen in selbstgestalteten Tapeten, küssenden Fotos, die an diesen doppelseitig haftend kleben. Versuche anzukommen, bevor ich endlich noch einmal gehen darf.
Darf ich aufstehen?
Ich bin schon fertig.
Lecke das Messer sauber ohne rosablutige Zunge, lecke mir die Wunden mit einer grünbefüllten Lunge, putze den Poeten in mir raus.
Bis dahin, so far.
Nehme ich das hiesige Asyl; Obhut, ob der Aufenthalt auch guttut. Obacht, wenn es wehtut.
In meinem Kopf überschlagen sich die Spuren zuletzt befahrender Autobahnen, in meinem Kopf überschlagen sich die leider lösungsfreien Fragen. Ohne Airbag habe ich uns geprellt, doch diese große, wundersame Liebe kein einziges Mal in Frage gestellt.

In Watte gepackt bin ich frühs und schwitzend aufgewacht, es ist nur ein Traum wurde mir gesagt; die Bahn rollt trantutig im Hintergrund, rollt über eingelassene Gleise auf den Feldern, ist gefüllt mit Menschen, Geschichten, Sex und ihren Geldern.
Ich vergesse alle Gesichter, die Haut wird dichter mit ihren Aufgaben und so sind es meine tiefen Augen, die zu diesem Zeitpunkt bemerkenswert aufmerksam herausragen.

Sie malt ein Bild, auf dem ihr Name steht.
Sie ist hinter jedweder kindlichen Vernunft, sie ist bereits jetzt: Kunst.
Ich schreibe in ampelrot was dazu.
A bunch of water
A ship to sink
A bottle of whisky to drink
An endless mind to think.
Und es ist sicher nicht das Klügste, ihr das so zu vermitteln, doch alte Ansichten stecken in nicht mehr genähten Kitteln. Und sie ist keine davon, keine einzige Ansicht entspricht in ihrem Wesen annähernd diesem einen Gedicht. Das aus ihrem tabu la rasa spricht.
Wenn alles anders wäre, könnte sie keine Künstlerin sein,
Wenn alles anders wäre, könnte sie glücklich sein.
Die Straßen dampfen nach dem großen Regen.
Noch 675 Wochen.
Dann ist der Bann gebrochen.


prt2


Sie liebt mich, wenn ich alleine bin, doch empfinde ich keine Liebe wenn ich auf Reisen bin.
Wenn sie morgens frischgeduscht zu mir herüber kommt, verteilt sich ihr Duft den ganzen Tag auf meiner ungebügelt zauberhaften Baumwollkluft, verteilt sich den ganzen Tag auf mir. Dann kann ich alles empfinden im wir. Ich schreibe dann einwandfreie Liebesgedichte aufgrund dieser außerordentlich ausnahmslosen Liebesgeschichte. Mein Traum in blauweißen Punkten, wasserabweisend und graziös gedankenkreisend.
Bilderverhangen folge ich der Umleitung im baugestellten Kreisverkehr übers Morgenland. 
Die großen Buchstaben ergeben -Notaufnahme- und das Gefühl dahinter beherrscht blaulichtig über meinen rationalen Verstand.
Ein folgenschwerer Personenschaden mit Bon Iver bei einer eingelegten Rast und wie du nach acht Jahren diesem Lied eine völlig neue Bedeutung gegeben hast.
There is no greater love, Amy.

Ich schrecke mit meiner Tischtenniskelle im bemalten Faustgriff auf.
Humboldthain.
Auf dem Personenwaggon der BVG, der soeben einrollt, steht in frischer, eigenbewerbender Schnörkelei: alles ist erreichbar.
Ich frage mich berechtigt: zu welchem Preis.
Ein Langstreckenticket kostet mittlerweile drei Euro vierzig bei 120 Minuten Nutzungserlaubnis. Die Kurzstrecke liegt preislich tiefer, doch darf ich nicht umsteigen in ihr, nicht die Linien wechseln und sowie nicht vergessen zu stempeln. Sonst ist alles kriminell, wo aber bitte soll noch ein Stempel bei mir hin, so bemalt wie ich schon bin?

Kein Mensch ist illegal.
Es steht in dicken, wütenden Buchstabenklecksen auf dem stillgelegten Bauwagen.
Wendtland, Weltland, Hinterland.
Es reißt mich weg, mal wieder, 230 Kilometer die Landstraßen entlang. Es wird langsam wie ein Zwang, fünfter Gang, an die beleuchtete Tanke ran: wann bin ich da, alter wann?

„Ich bin gut angekommen“ spreche ich gegen Nachmittag in mein mobiles Telefon. Eine verrauchte, tiefherzliche Stimme am anderen Ende, circa fünfundzwanzig Kilometer von mir entfernt, sagt, dass sie das freue und beschreibt mir in den nächsten Minuten das Versteck des Schlüssels, den ich brauche, um eine hölzerne Tür des Vertrauens zu öffnen, um vertrauensvoll heimlich zu agieren. Ich trete ein, zunächst noch in Schuhen, diese ziehe ich rasch aus und beginne nun, nein registriere erst: ich bin wirklich angekommen.
Horche in mich hinein, meine Ohren rauschen. Ruhe. Tiefe, innere Ruhe.
Nichts hier ist unberührt. Sofort habe ich euer Tun auf der Haut und in meinem Herzen gespürt. Es zuckt, es zappelt. Tore meiner Welt lassen ihre Brücken ab, ich gehe in die Knie und falle nieder.


prt3


There’s a hole in my heart,
No, I won’t break your heart.
Ich laufe unschlüssig umher.
My young heart has been there.
Lang blieb es aus, das Klavier in meinem Haus, das Piano, das überall und nie anderswo, die Flügel, die mir verklebt.
Kurz ist die Zeit, die uns bleibt. Wir hören dasselbe Lied, doch heute macht es keinen Unterschied.
Ich wusste nicht, dass ich es nicht besser weiß, wusste nicht, dass ich es nicht wissen kann. Das ist höchste Rechenkunst mit zu vielen Variablen, zu vielen Unbekannten, zu wenigen Wegen, die sich auszahlen. Das Schmerzhafte an Qualen: dass alles wie im Film scheint, doch nichts davon wirklich überschaubar ist. Kein Stuhl, auf dem dein Name steht, keine Klappe, wenn sie zufallen sollte. Kein Text von jemand Drittes- ich ist kein Anderer.
Ich stelle die Requisite in Wänden, die mir ein zuhause geworden. Ich puste Luftschlangen und werde sie auch noch verhängen. Schreibe dem Nachbar einen netten Zettel und gieße deine Blumen, streiche über eure Betten und schließe langsam die Türen. Bepacke das blaue Auto, schalte die Lichter an, sehe, der Tacho ist noch nicht am Roten dran. So fahre ich von weit her an der Elbe meinen Tank leer ohne vier Mal stehen zu bleiben, denn ich muss mich entscheiden mit dem Daumen oder beiden Fingern zu schreiben. 
Die Nacht umhüllt mich mit ihrem Gefieder, ich finde mich auf unbekannten Strecken wieder, möchte stehen bleiben, endlich stehen. I get lost all the time.

985 Kilometer entfernt sitzt sie.
Schaut aus dem Fenster, auf die satten, grünen Hügel, über den Tellerrand hinaus.
Sie sitzt. Zum ersten Mal seit Monaten. Ist da, genau dort.
Das Fernverkehrticket zurück ist datiert. Außer, dass der Staub sich zersetzt und fällt, ist noch sehr vieles mehr passiert, doch wem trägt es bei, wenn es so bodenlos nicht mehr zu tragen ist? Der Notausgang scheint zementiert, die Fenster verriegelt ab zu später Stund, das Dach ohne Luken vergiebelt, ein Heim ohne Grund, ein Abendbrotstisch ohne zu stopfenden Mund.
Außer, dass die Sonne sich verkrampft durch diese nassen Tage kämpft, das einfallende Zimmerlicht ankurbelt und dämpft, ist noch sehr vieles mehr passiert, doch wie kann man es festhalten, wenn alles drum herum an Fassung verliert?
Die Richter haben ihr Urteil gefällt.
Schuldig gesprochen, in allen neun Anklagepunkten. Lebenslang gemauert. Sie urteilen, dass man seine Unschuld nicht mit dem Geschlechtsverkehr, sondern erst durch die Geburt eines Kindes verliert.

Fast eintausend Kilometer entfernt steht sie auf.
Geht aus der Tür, der hölzernen, der letzten im Gang. 
Zum ersten Mal seit Jahren setzt sie ihre Füße selbst. Läuft.

Und sieht das grünweiße, leuchtende Schild.


Montag, 29. Mai 2017

lonely // highly happy as can be


Ich hole den alten Untersetzer wieder hervor, stehe mitten in München, Sendlinger Tor.
Lege mein Ohr auf die befahrenen Schienen jener Möglichkeiten, jener damalig möglichen Maßeinheiten. Die schwarze Regenjacke ist mit Frühlingsregen nass, ich bin so reif und habe keinen Schimmer von auch nur irgendwas. Der Bass wummert und drückt, etliche Eskalation ist von mir entzückt. Empfinde mich als charmant verrückt, ein Zustand, der mich noch ins Universum schickt. Ich habe mich schick gemacht und dabei an niemanden gedacht, mir eine Dusche gegönnt, bin warmduschenverwöhnt. Auf Flughäfen regelmäßig völlig zugedröhnt.
Chinesisches Essen und fremde Küsse in Neukölln, es ist kurz vor Neun, jedoch weiß ich nicht ob morgens oder abends, denn überlastet und gereizt ist der unbedachte Mittelfinger schnell gespreizt. Ich torkele die Treppen zur Uh, Acht hinauf um bald vor Mitternacht, die Minuten sind gestempelt, ahnst du, wo ich mich wirklich und in real befinde?
Ich bin gejagter Fisch und tanze auf deinem brüchigen Tisch, bin wasserfreudiger Stier und muss mit meinem Kopf durch alle betonierten Wände hier.
Kämpfe mich frei aus dem zweischneidig entgleisenden, gleißenden Einheitsbrei im Alltagskleid und ziehe tief Luft.
Tiefgang, wenn keiner: Alter Ego ruft.

Drei Wochen und drei Tage vergehen und der grandiose Chilly Gonzales verursacht in mir brüchig Katastrophales. Das Bild um mich hat sich radikalisiert und das Gewachsene sich mit, drum herum.
Es plätschert lieblich süßer Sommerguss auf die gewärmte Skodakarosserie und lässt die satten, espengrünblühenden Bäumchen kurzweilend etwas hängend dastehen. An diesem ersten Tag mit Temperaturen über der Dreinull denke ich an Afrika und frage mich, wie wohl der Rest der Welt geschmeckt hätte.
Ja, an diesem ersten Tag mit Temperaturen nahe der Viernull führen mich meine heißbereiften Räder zu einem verwunschenen Pfad aus dem letzten Sommer, einige Male fahre ich durch die Örtlichkeiten und suche dabei den sandigen Steig in die ehemalige Verantwortungslosigkeit. In letzter Sekunde finde ich dann die Kurve, um die ich endlich biegen muss. Zwischen Kyritz, Wittstock und verstecktem Fluss. Eiskalt rinnt es mir den Rücken hinab, der letzte Kaffeebecher macht schlapp, ich halte mittig und bringe das Auto zum Stehen. Ziehe den Schlüssel, schließe es ab.
Ich war zehn Jahre jünger, als ich das letzte Mal hier war; das letzte Mal ist keine 365 Tage her, nicht mal ein Jahr. Die Ufer sind übergetreten, ein Bauchgefühl des zu Späten. In meinem eigenen Handeln liegt die vollkommende Pünktlichkeit.
Unendlichkeit.
Kopfsprung von der Tribüne, ich wasche mir selber den Kopf, schwimme immer ohne Zopf und trainiere das Wirbelsäulenrückrad, unter Wasser macht das grad so über Hals und bereits jetzt ist der Stoffrucksack geschnürt, nur falls. Falls es knallt und das Fallen Fälligkeiten schürt, falls sie lallt und weg muss, besser vorhin noch als erst bald.
Denn es muss fluchtartig geschehen, wenn alles zu langsam wird, damit es nicht zum abgrundtiefen Stillstand führt.

Zwei hochwertige Opinel.
Und das Messer aus Namibia.
Eine sich dem Ende neigenden Autobatterie und seensuchende Sehnsuchtssympathie. Sucht.
Diese Umleitung ist geboren worden um die schönsten Ecken zu finden, doch die Schönheit dieses Zustands kennt nur sie.
Das Land wird flach, wird zum rettenden Weltnaturvordach.
Wird zu allem, das ich augenblicklich brauche währenddessen ich zu wenige Zigaretten rauche, ich strauche und streiche rauchend in ungeahnt weite Lebensbereiche. Meine Lebensbereitschaft zur Nacht, ist augenringlich düsterdunkel gemacht am übernächsten Tag. Ich schminke mich nicht und tusche nichts über, stehe dazu, drunter und drüber. Bin die Wölfin im Schafsgefieder auf dem hiesigen Tankstellengelände, gewaschene Hände und ein Toilettenschlüssel retour, einen großen Kaffee noch to go und dann aber ab dafür.

Wieder auf dem Rückweg, auf dem sich alles rückwärts dreht außer der im Tachometer, tickenden Uhr. Mein mobiles Telefon muss schleunigst an die Akkumulatorschnur, ich wechsele die Fahrbahnspur, fahre links, alles wird enger und ich wünschte mein zu Hause wäre länger, länger und länger.
Trotz zur Ruhe kommenden Motor adrenalisiere ich, ich sehe dich an, sehe: mein Ansehen ist kunstgebrochen liederlich.
Wenn der brummende Laptop später im Naturschutzgebiet hochverfährt, komme ich endlich runter. Erblicke mich spiegelverkehrt und wildunfallunversehrt. Es gab kaum Stau und einen feuerrotleuchtenden Untergang auf dem Weg zu meinem sehr geschützten Fuchsausbau.
Die Gedichte im Schlepptau.
Stadt, Land und wo ich sonst noch bin.

Not saving my face when I am right in.
Not: save myself when I am writing.



Donnerstag, 25. Mai 2017

we know places


Leichttapsig zappelig schaue ich in den wolkenbehangenen Mittagshimmel und wünsche mir:
Rückzug aus dem Fortschritt und Buchstaben, wo keine Worte sind. Ich bin letztes Opfer brandaktuellster Technologie und Verfechter alter Werte. Die Tradition ist, worin die Menschen pflegen zu wohnen. Doch mein Gefühl dazu ist unerheblich, beinah unerträglich tragend, immer fortwährend fragend, das Gegenteilige von nichtssagend. Mein Gefühl ist zu groß, um in Worddokumente zu passen, mein Gefühl erliegt der Antwort und wird als solches beleuchtet, solange der von dir geliebte Tau noch feucht ist.
Wird als solches vertont durch das Knistern des Vinyls und mit dem Verschwimmen des täglichen Rests setzt sich dann das große Gefühl so richtig fest: dieses Mädchen hier ist, was ich will bis zuletzt. Sigur Ros zieht uns weg, Sigur Ros zieht uns hin, weil ich unter jeder Decke im vollfühligen Sternenhimmel mit ihr bin.
Ganze zwei Jahre lang hat es gedauert, um mit dem Glück zu arbeiten, nun langsam füllen sich alle blanken Seiten mit einem zarten Verstreichen nicht verpasster Chancen und einem Gewissen, das so rein ist, weil es an allen zu zupfenden Saiten ordentlich sitzt. Du spürst sofort, wenn es das Wahre ist.
Its: dann all real und von Allem niemals zu viel.
Gleichwohl denke ich so manches Mal, dass ich zu jung bin, um all das zu verstehen, doch kann ich die Veränderung zu deutlich sehen um nur belanglos daneben zu stehen. Ganz gleich wo das ist, werde ich von dort aus in die einzig richtige Richtung gehen. Selige Ruhe dreht sich um meine eigene Achse, schräg und beständig ist es, wie ich in unsere gemeinsame Zukunft hineinwachse.
Weil diese Seelenliebe mir Freiraum schenkt im Schreibzaum.
Weil dieses Herz pocht und Wurzeln schlägt wie ein jahrhundertealter Buchenbaum.
Weil dieser Mund so lieblich säuselt, wie ich es seit jeher nie gehört.
Weil dieser eine Moment schon so andauernd ist und in uns ungestört.
Es ist zum ersten Mal im Leben etwas vollständig und fundiert meins. Diese Zeilen, gemeißelt in digital, A 4 astral, Schriftbild katastrophal, sind komplett deins.